Aktuelle Entwicklungen im Web der Gegenwart und die daraus folgenden Implikationen für die Strategien der Zukunft.

Sidewiki und das Schreckgespenst der Distributed Conversations

Posted: September 25th, 2009 | Author: Sebastian Küpers | Filed under: Social Media | 15 Comments »

Google hat vorgestern ein neues Produkt mit Namen “Sidewiki” vorgestellt. Damit ist es möglich, jede beliebige Webseite im Netz zu kommentieren. (ohne dass diese es ausdrücklich unterstützt!) Das Ganze funktioniert über eine direkte oder indirekte Integration (Google Toolbar) im Browser.

Seit dem geht mal wieder das Schreckgespenst der “Distributed Conversations” – sprich: verteilten Konversationen – im Netz um und Leute wie Jeff Jarvis lassen sich dazu hinreißen auf die drohende Gefahr hinzuweisen, dass Google uns jetzt auch noch die Interaktivität rund um unseren Content ‘rauben’ würde.

Ich persönlich muss da aber Louis Gray zustimmen, der treffend sagt:

The battle for control over conversations and the silo of discussions is done. Any blogger who believes that they can control the conversations and prevent discussions in far-flung social networks is deluding themselves.

Das Thema ist schliesslich in Summe nicht neu und ich finde es auch etwas witzig, wenn sich jetzt Blogger über etwas beklagen, was wir Unternehmen im Kontext von Social Media schon lange versuchen begreiflich zu machen:

Der Kunde (Leser) bestimmt wann, wo und wie er über uns sprechen möchte!

Die Kontrolle darüber haben wir schon lange verloren und Google Sidewiki ist nur eine weitere Möglichkeit einen Conversation über etwas im Netz zu führen!

Aber wie ich finde sind wir mittlerweile auch wieder dabei Wege zu finden, wie man mit der veränderten Situation umgehen kann. Daher möchte ich Sidewiki gerne als Anlass nehmen, nochmal darüber zu schreiben, wie man in Zukunft mit dem Phänomen der “Distributed Conversations” umgehen sollte.

Die Entwicklung von Distributed Conversations

Um mal kurz im Zeitraffer vorzustellen, wie es bis zu dem heutigen Punkt kam: Am Anfang war das Blog und wir hatten Kommentare, mit Hilfe derer wir miteinander interagieren konnten. Wir hatten auch gleichzeitig Trackbacks, die es ermöglichen, dass wenn andere Blogger die Diskussion bei sich fortführen möchten, darauf hinzuweisen, so dass interessierte Leser die Conversation auch dort fortführen konnten.

Lassen wir jetzt mal den Faktor Email außer acht, waren Trackbacks ja schon der erste Schritt in Richtung von Distributed Conversations, nur mit der Nettigkeit, dass die Distribution einfach nachzuverfolgen war.

Schwerer haben es da schon von Anfang an Unternehmen und/oder Webseitenbetreiber, die es ermöglicht haben direkt auf Ihren Webseiten zu kommentieren, bzw. Reviews zu schreiben. Blogs konnten einfach auf diesen Content verweisen und die Diskussion darüber aber zu sich holen und haben damit schon seit jeher die Conversation im Netz verteilt.

An Geschwindigkeit zugenommen hat die Distribution dann noch über zwei Weitere Entwicklungen:

  1. Microblogging (aka Twitter)
  2. Aggregatoren (aka FriendFeed aka Facebook aka GoogleReader)

Mit zunehmender Anzahl an Möglichkeiten wie sich Menschen im Netz auf einfache Art und Weise äußern können, nimmt auch das Maß zu indem Distributed Conversations entstehen. Das wurde direkt durch Twitter beschleunigt, aber auch durch Aggregatoren wie Facebook, die allesamt wieder eigene Kommentarmöglichkeiten anbieten.

Die Lösung in drei Schritten sowohl für Blogger als auch Unternehmen

Gerade die Blogosphere hat hier aber auch relativ schnell und kreativ auf die neue Situation reagiert und macht es Unternehmen bereits vor, wie man mit dem Problem, dass wir die Kontrolle über die Konveration verloren haben, umgehen kann. Ich denke man kann das sehr schön in drei Schritten beschreiben:

1. Monitoring

Blogger verfolgen einfach sehr intensiv, wo überall zu ihrem Content gesprochen wird. Wir schauen genau auf Twitter und FriendFeed hin, ob jemand was zu unserem Content sagt, wir haben vermutlich fast alle Google Alerts auf unseren persönlichen Namen, den Namen des Blogs und schauen aktiv nach, wer alles auf uns verlinkt hat.

Bloggern ist klar, dass die Konversation überall im Netz stattfindet und da wir mitreden wollen, nutzen wir die Möglichkeiten die wir haben, um zuzuhören und mitzubekommen, wo sie entsteht.

2. Engagement

Wir gehen von uns aus dann auch aktiv dorthin, wo die Konversation entsteht, um mitreden zu können. Es geht ja schliesslich um das was wir schreiben, also sollten wir mitreden. Und: wir sind sogar so schlau und versuchen etwas an “Kontrolle” zurückzugewinnen, indem wir selbst der Initiator der Conversation auf den unterschiedlichen Plattformen werden.

  • wir ermöglichen das verteilen des Contents in Richtung der diversen Plattformen (Retweet Buttons, Sharing Widgets)
  • wir nutzen aktiv die Plattformen, um Konversationen zu unserem Content zu starten (z.B. durch Facebook Pages)
  • wir reden einfach aktiv dort mit, wo die Konversation entsteht

3. Aggregation

Das Problem ist natürlich, dass nicht jeder interessierte Leser soviel Energie darin investiert, die gesamte Distributed Conversation nachzuverfolgen. Daher versuchen wir die Conversation wiederum sichtbar zu aggregieren. Dafür gibt es Tools wie z.B. Disqus oder auch JS-Kit Echo, die direkt an der Quelle (im Falle der Blogger, also in den Blogs) alle Reaktionen wieder zusammenführen.

Und ich gehe im Moment fest davon aus, dass auch Google Sidewiki uns die Möglichkeit geben wird, die dort entstehenden Konversationen wieder zu aggregieren!

Was können wir in Summe daraus lernen?

Ich denke Google Sidewiki dürfte jetzt auch dem letzten Zweifler vor Augen führen, dass man heutzutage keine Kontrolle mehr über die Konversation hat, bzw. auch die Illusion rauben, dass durch das nicht Implementieren von z.B. Kommentaren und/oder Reviews auf der eigenen Seite, eine Diskussion verhindert werden kann.

Bisher konnte man sich zu einem gewissen Maße noch einreden, dass die Diskussion ja “ganz weit weg irgendwo bei so komischen Diensten” stattfindet und das diese für die eigene Zielgruppe einfach nicht relevant sind. Schaut man sich aber jetzt mal das Video an ist engültig klar, dass die Konversation auch direkt – zumindest gefühlt – auf der eigenen Webseite stattfinden kann. Sidewiki macht es möglich!

Ich kann daher nur empfehlen sich spätestens jetzt Gedanken darüber zu machen, wie man mit der veränderten Situation umgehen sollte. Dazu kann ich auch nur nochmal meinen Artikel: 5 Fragen auf dem Weg zur Social Media Strategie empfehlen.

Ich bin mir dabei auch ziemlich sicher, dass wir gerade an dem Punkt “Aggregation” in Zukunft Innovationen seitens von Unternehmen sehen werden, um auf ähnliche Art und Weise, wie es heute schon Blogger mit Disqus und JS-Kit Echo machen, die Conversation zum eigenen Brand bei sich wieder zu aggregieren.



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15 Comments on “Sidewiki und das Schreckgespenst der Distributed Conversations”

  1. 1 Martin Thielecke said at 8:41 am on September 25th, 2009:

    Ich könnte fast wetten, dass jetzt wo Google Sidewiki anbietet, es viele Copycats deutlich weiter nach vorne schaffen, ob wohl das Sidewiki nichts anderes ist, als eine furchtbar statische Variante von weblin/zweitgeist/lluna, welche diese Funktion seit vielen Jahren deutlich interaktiver angeboten hat. Nur war damals noch niemand so weit, das Potential zu erkennen.

  2. 2 Sebastian Küpers said at 8:46 am on September 25th, 2009:

    Ja guter Punkt! Ich bin auch mal gespannt wie Google Sidewiki eigentlich angenommen wird. Willi Schroll hat da gestern auf Twitter auch schon Zweifel angemeldet ;)

    http://twitter.com/wschroll/status/4343907754

    Diesmal ist es halt Google, die so etwas machen und natürlich damit die Annahme sofort da, dass es in der Masse funktionieren könnte.

  3. 3 Tom said at 9:06 am on September 25th, 2009:

    Dass Sidewiki in vielen Fällen nützlich sein kann, ist wohl unbestritten. Aber die Frage ist doch, welchen strukturellen Sinn es macht, ein zweites "Meta-Netz" über das Internet zu legen. Leseempfehlung "Google Sidewiki: Und nicht alle so Yeahh!" http://bit.ly/Be67S

  4. 4 MichaelvanLaar said at 9:13 am on September 25th, 2009:

    Das bedeutet also, dass jeder Website-Betreiber zwangsweise irgendwo die Google-Toolbar installieren muss, wenn er wissen will, was auf bzw. neben seiner Website so alles diskutiert wird. Ohne Toolbar keine Infos. Auch ein Konzept, die Toolbar weiter kräftig in den Markt zu drücken.

  5. 5 Sebastian Küpers said at 9:15 am on September 25th, 2009:

    Habe gerade Deinen Artikel gelesen :) Ich würde sagen, dass Google SideWiki nicht die erste Meta-Ebene wäre, sondern das Netz doch schon durchzogen ist mit div. Meta-Ebenen.

    Ich denke das ist einfach der Charakter des Internet und wir haben ja Möglichkeiten, diese Meta Ebenen wieder zusammenzuführen. Ich denke auch an dem Punkt wird sich in Zukunft noch einiges entwickeln.

    Um sehr mehr Möglichkeiten es gibt, um so besser für den Nutzern, der sich halt aussuchen kann, welche Ebene er am besten findet und nutzen möchte ;) bzw.er bestimmt auch danach gehwn wird wo auch vielleicht die Community aktiv ist, die ihm am wichtigsten ist.

    FriendFeed ist auch so eine Meta-Ebene und ich habe die vor gut einem Jahr als extrem praktisch und toll empfunden, da einfach viel mehr Diskussion dort entstanden ist als direkt an der Quelle.

    Mal sehen – würde mich nicht wundern, wenn so eine Aggregation auch Teil von Googles langfristiger Strategie ist ;)

  6. 6 Sebastian Küpers said at 9:18 am on September 25th, 2009:

    Klingt zwar doof – ist aber wohl so. Ohne Twitter zu nutzen, bekommst Du auch nicht mit was auf Twitter passiert. Sogesehen auch ein Konzept, was Twitter weiter kräftig in den Markt drückt ;)

  7. 7 Sebastian Küpers said at 9:22 am on September 25th, 2009:

    Habe gerade Deinen Artikel gelesen :) Ich würde sagen, dass Google SideWiki nicht die erste Meta-Ebene wäre, sondern das Netz doch schon durchzogen ist mit div. Meta-Ebenen.

    Ich denke das ist einfach der Charakter des Internet und wir haben ja Möglichkeiten, diese Meta Ebenen wieder zusammenzuführen. Ich denke auch an dem Punkt wird sich in Zukunft noch einiges entwickeln.

    Um so mehr Möglichkeiten es gibt, um so besser für den Nutzern, der sich halt aussuchen kann, welche Ebene er am besten findet und nutzen möchte ;) bzw.er bestimmt auch danach gehen wird wo auch vielleicht die Community aktiv ist, die ihm am wichtigsten ist.

    FriendFeed ist auch so eine Meta-Ebene und ich habe die vor gut einem Jahr als extrem praktisch und toll empfunden, da einfach viel mehr Diskussion dort entstanden ist als direkt an der Quelle.

    Mal sehen – würde mich nicht wundern, wenn so eine Aggregation auch Teil von Googles langfristiger Strategie ist ;)

  8. 8 MichaelvanLaar said at 9:23 am on September 25th, 2009:

    Stimmt nicht ganz. Abgesehen von Protected Tweets kann ich Twitter auch monitoren ohne mich bei Twitter anmelden zu müssen.

    Vergleichbarer wären die Diskussionen via Facebook-Statusmeldungen und -Wall-Postings, wenn diese nicht für die Öffentlichkeit freigegeben sind. Aber die bekommt man trotz Anmeldung bei Facebook ja trotzdem nur mit, wenn man mit den entsprechenden Personen befreundet ist. Das ist also nochmal eine Stufe schwieriger zu monitoren.

    Da werde ich mir jetzt also wohl oder übel die Google Toolbar raufschaufeln müssen :-(

  9. 9 Sebastian Küpers said at 9:27 am on September 25th, 2009:

    Hmm – guter Punkt. Da würde ich aber auch nochmal abwarten und Tee trinken ;) Google hat doch neulich erst angekündgt, jetzt für alles API's haben zu wollen, um auch Daten wieder aus Google rauszubekommen xD

    Ich gehe mal davon aus, dass wir auch API's für Sidewiki bekommen werden, um auf andere Art und Weise abfragen zu können, was im Sidewiki steht.

    Ich warte übrigens einfach darauf, dass Sidewiki in Chrome direkt supported wird ;)

  10. 10 Sebastian Küpers said at 9:29 am on September 25th, 2009:

    Ah – was sag ich ;) Es steht ja im Announcement schon drin:

    "We also have the first version of our API available today to let anyone work freely with the content that's created in Sidewiki."

  11. 11 MichaelvanLaar said at 9:38 am on September 25th, 2009:

    Interessant wäre ja auch zu wissen, ob Sidewiki-Kommentare – natürlich erst bei ausreichender Marktdurchdringung – sich irgendwann auch mal auf die Suchergebnisse auswirken. Das wäre dann wieder eine SEO-Stellschraube mehr.

  12. 12 Bernhard Jodeleit said at 7:28 pm on September 25th, 2009:

    Solange Sidewiki von Extensions und Toolbars abhängt, wird es ebenso erfolgreich und marktbestimmend bleiben wie alle Produkte, die von Extensions und Toolbars abhängen. Aus meiner Sicht kein relevantes Produkt. Distributed Conversations sind zwar aus Deiner Sicht, Sebastian, nichts Neues, aber Unternehmen, die im Web präsent sind, müssen sich darauf jetzt dringend einstellen.

  13. 13 Sebastian Küpers said at 8:16 pm on September 25th, 2009:

    Ja da gebe ich Dir recht. Alles was irgendwie installiert werden muss, hat erstmal geringere Chancen in der Masse akzeptiert zu werden. Auch wenn es von Google kommt ;) Das kann man sich jetzt erstmal in Ruhe ansehen, wie es sich entwickelt.

    Und absolut: Unternehmen müssen sich auf jedenfall jetzt darauf einstellen und mit dem Thema weiter beschäftigen. Ich denke auch, dass da Sidewiki auch einen positiven Effekt haben könnte, als dass es einfach schön vor Augen führt, dass man keine unmittelbare Kontrolle mehr hat!

  14. 14 Sebastian Küpers said at 8:17 pm on September 25th, 2009:

    Ja da gebe ich Dir recht. Alles was irgendwie installiert werden muss, hat erstmal geringere Chancen in der Masse akzeptiert zu werden. Auch wenn es von Google kommt ;) Das kann man sich jetzt erstmal in Ruhe ansehen, wie es sich entwickelt.

    Und absolut: Unternehmen müssen sich auf jedenfall jetzt darauf einstellen und mit dem Thema weiter beschäftigen. Ich denke auch, dass da Sidewiki einen positiven Effekt haben könnte, als dass es einfach schön vor Augen führt, dass man keine unmittelbare Kontrolle mehr hat!

  15. 15 @meRaiMan said at 2:22 pm on September 26th, 2009:

    #Google #Sidewiki lesen ohne G-Toolbar – na geht doch – http://tinyurl.com/yartrr7
    zwar mit der heißen Nadel gestrickt – aber läuft


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