Mit dem Leben in Verbindung bleiben
Posted: March 22nd, 2010 | Author: David Gilbert | Filed under: Digital Life | Tags: lifestream | 1 Comment »Vor ein paar Wochen wurde in der Rubrik Digitales Denken der FAZ.NET ein interessanter Beitrag von David Gelernter, Professor der Informatik an der Yale Universität, veröffentlicht. In seinem programmatisch gehaltenen Text versucht Gelernter eine Antwort auf die Frage zu geben, wie wir mit unserem Leben in Verbindung bleiben können.
Den Ausgangspunkt seiner Überlegungen beschreibt er mit zwei Bildern:
„Das Internet, wie wir es heute kennen, ist eine Maschine zur Verstärkung von Vorurteilen. Dabei wissen wir angeblich mehr als je zuvor. Doch was wissen unsere Kinder, was unsere Eltern nicht wussten? Sie wissen ums Jetzt. Aber mit der Jetzigkeit ist es wie mit der Lichtverschmutzung in Großstädten, die es unmöglich macht, die Sterne zu sehen.“
Bei seinen folgenden Überlegungen sind es drei Aspekte, die ich besonders inspirierend finde und die zum eigenen Weiterdenken einladen.
1.) Den Lebensstrom lenken
Das Internet überrollt uns schon seit langem mit seiner Quantität an Informationen. Dabei ist es vor allem die Vielstimmigkeit und nicht unbedingt die Geschwindigkeit, die das Zuhören und Verstehen so schwierig macht. Wenn ich heute am Puls der Zeit sein möchte und dabei zwischen Twitter-Client, Facebook, RSS-Reader und Email-Programm ständig hin und her wechseln muss, dann nervt diese Fragmentierung schnell. Die Vorstellung eines einzelnen, persönlichen Lifestreamkanals erscheint da wie ein Segen. Und was in meinen Lifestream hineinfließen darf, das kontrolliere ich schon jetzt. Meine Followings bei Twitter schaue ich von Zeit zu Zeit immer wieder durch und wenn jemand nervt, dann fliegt er raus. Bei Facebook habe ich alle Game Statusinfos mittlerweile abgeschaltet; das virtuelle Landleben bei Farmville hat mich nicht gelockt. Doch seit der Filterung habe ich auf der Startseite wieder spannende Neuigkeiten von Freunden und Bekannten.
2.) Verzerrungen erkennen
Das Internet ist ein gewaltiges Instrument. Instrumenten sind aber in der Regel gewisse Verzerrungen eingebaut. Die große Verzerrung des Internet ist, dass es gewaltig zugunsten der Jetztigkeit verzerrt. Ich kann mich in jedem Moment mit Orten und Gedanken auf der ganzen Welt vernetzten. Die aktuellen Hype-Plattform Chatroulette lässt einen dieses, wenn auch unter dem Vorzeichen der Absurdität, praktisch erfahren. Das Problem ist jedoch, dass wir solange wir in diesem uferlosen Modus der Gegenwart sind, die Vergangenheit immer mehr verblasst. Diesem können wir jedoch entgegensteuern, wenn wir die mithilfe des Lifestream-Konzeptes die zeitliche Organisation von Informationen der bisherigen räumlichen zur Seite stellen. Die Organisationen von persönlichen Informationen in Form einer Zeitliste bietet die Möglichkeit in der Vergangenheit liegende Zeitpunkte schnell und gezielt anzusteuern, und so die Vergangenheit wieder sichtbarer zu machen . Ein recht triviales, aber anschauliches Beispiel wäre, mit einem Knopfdruck, und ohne eine Verschlagwortung zu nutzen, alle Sylvesterfotos aus dem persönlichen Lifestream zu ziehen und nebeneinander zu stellen.
3.) Dem Netz einen Drift geben
Malcolm Gladwell hat letztes Jahr in einem Interview darauf hingewiesen, dass dem Internet ein sogenannter Matthäus-Effekt integriert ist. Wer hat, dem wird gegeben. Was im Internet erfolgreich ist, wird gleich noch erfolgreicher. Durch das Prinzip der Verlinkung bekommen Ideen mit einem anfangs kleinen Vorsprung schnell einen riesigen Vorsprung. Was uns nicht passt ignorieren wir und verstärken somit gleichzeitig unsere Vorurteile. Eine Antwort auf dieses Problem ist das „Driften“, d.h. das bewusstes Abschweifen des Blickes in Gegenden, in die wir gar nicht wollten. Unter dem Diktat der Verwertungslogik abonnieren wir jedoch fast immer nur Feeds die uns Informationen liefern könnten, von denen wir uns einen direkten Vorteil versprechen. Die Antithese hierzu ist beispielsweise der sonntägliche Genuss einer Wochenzeitung, bei dem man auch mal in Ressorts verweilt, die nicht direkt etwas damit zu tun haben, was einem in der Arbeitswoche abverlangt wird. Das ist dann zwar noch non-digital, aber die E-Reader warten schon auf ein Plätzchen neben der Fernbedienung.
Nachdem wir alle bisher vielleicht etwas zu sehr im Internet umher gedaddelt haben, ist es jetzt an der Zeit etwas zu tun, damit uns die Verbindung zu unserem Leben im digitalen Zeitalter nicht abreißt.
für den ersten aspekt lässt sich netvibes (mit twitter/facebook/postfach-widgets) und nach themen/tabs sortierten rss-feeds gut nutzen. will ich keine ablenkung, bleibt netvibes zu – klappt leider leider auch nicht immer, aber wenigstens muss man sich nicht ständig durch zig verschiedene plattformen kämpfen, sondern hat eine gute übersicht.